Ehrenamtliche Sozialberatung/Interviews April 2019

In den Interviews mit unseren ehrenamtlichen BeraterInnen haben wir sie zu ihrer Arbeit und ihren Erfahrungen in der Sozialberatung gefragt:

Fragen:

- bisherige Erfahrungen als BeraterIn/Teammitglied / in der Zusammenarbeit mit dem Caritasverband?

- Unterschied zu vorher, als das Angebot noch nicht bestand?

- Bedeutung und Chancen des Projekts für Pfarrei und Gesellschaft

- neue Erkenntnisse über die Lebenssituation anderer Menschen

- was war besonders beeindruckend?

1. Richard

Ich sehe dieses Projekt eher als kleinen Beitrag zur Hilfeleistung an Menschen, die aus den verschiedensten Gründen mit der Organisation ihres Lebens überfordert sind. Die Bedeutung für die Pfarrei sehe ich nur darin, dass die Pfarrei (mit der Caritas) die Grundlage für die Beratung bietet.

 

Ich habe konkrete Einzelschicksale erfahren, bei denen sich Probleme so stark häuften wie ich das vorher nicht für möglich gehalten hätte.

 

Die Mitarbeit in der Sozialberatung hat mir den Blick auf die Lebensumstände vieler Menschen in unserer Nähe erweitert und mir durch die Dankbarkeit der Ratsuchenden viel zurückgegeben.  

 

2. Marianne

Ich war jetzt erst zwei Donnerstage eingeteilt und da war einmal eine Person da und das zweite mal keiner.


Ich glaube, dass es für die Gemeinden ein sehr gutes Projekt ist und wir alle das Christ-sein leben.    


3. Nicolle

Die ehrenamtliche Sozialberatung hat mir gezeigt und erneut verdeutlicht, dass die Anliegen der Ratsuchenden so individuell sind wie es Individuen gibt. Für mich als Beraterin bedeutet dies sich auf die jeweiligen Beratungssituationen einzulassen, zuzuhören, Ansätze zur Aktivierung der Selbsthilfe zu erarbeiten und Lösungswege mit dem/der Ratsuchenden zu finden. Auch wenn es nicht immer einfach ist, finde ich es gut, dass man immer zu zweit die Beratung durchführt. Auf diese Weise können wir uns gut ergänzen und bringen neue bzw. weitere Perspektiven zur Situation ein. Dies ergibt sich auch aus dem unterschiedlichen Background (wie z.B. der Beruf) der einzelnen BeraterInnen, welches ich als einen großen Pluspunkt der ehrenamtliche Sozialberatung sehe. Bei Fragen steht uns das Team der Familien- und Erziehungsberatung im selben Hause sowie Frau Bender vom Caritasverband zur Verfügung, welches ein Stück weit Sicherheit bietet. Zudem sollte erwähnt werden, dass Frau Bender uns BeraterInnen auf das soziale Projekt gut vorbereitet und geschult hat. Dafür bin ich sehr dankbar.

Ich sehe die ehrenamtliche Sozialberatung als eine Chance für die Pfarrei sich den Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung zu nähern und so ihre verschiedenen Lebenssituationen kennenzulernen und adäquate Hilfe, eben über die Sozialberatung, anzubieten. Die Pfarrei kann auf diese Weise ihren christlichen Auftrag sowie Werte, wie bspw. die Nächsten Liebe, nachgehen und sich den heutigen Problemen der Menschen entgegenstellen. Dazu zählt vor allem das Zuhören der individuellen Anliegen, welches ein zentrales Element der Sozialberatung ist.

Im Großen und Ganzen bietet die ehrenamtliche Sozialberatung die Möglichkeit an, als eine erste Instanz zur Problembewältigung zu fungieren und somit erste Hilfeschritte einzuleiten.

 

4. Wilfried

Ich war bisher dreimal als Berater tätig: zweimal hatten wir jeweils 4 Beratungen, wobei bei einem Beratungstermin die Zeit knapp wurde, bei einem anderen Termin wir doch ungefähr eine Viertelstunde vor dem Ende unsere Beratungen abgeschlossen hatten. Bei einem Beratungstermin erschien kein Ratsuchender.

 

Das Team hat sich, sofern es nach den wenigen Monaten zu beurteilen ist, gut zusammengefunden.

 

Die Schulungen wurden gut und kompetent vorbereitet und entsprechend durchgeführt.

Das Angebot fehlte im Stadtteil, auch das Quartiersmanagement bietet mittlerweile eine ähnliche Beratung an.

 

Die Pfarrei rückt mit diesem Angebot auch außerhalb des "Kirchenraums" etwas mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit

 

Ein kleines Hilfsangebot für diejenigen, die auf Grund ihrer Herkunft und Sprachdefiziten mit der deutschen Bürokratie nicht so gut zurechtkommen.

 

Ich habe als Erkenntnis für MICH die Einsicht erhalten, dass viele eigene vermeintliche Probleme zu Problemchen schrumpfen, wenn ich sie mit den Problemen so mancher Ratsuchenden vergleiche.

 

Besonders beeindruckt hat mich das Durchhaltevermögen der meisten Ratsuchenden, denn es hat keiner uns etwas vorgejammert, obwohl sicher bei dem einen oder anderen Gründe genug vorhanden gewesen sind.

 

Unsere Arbeit ist notwendig!!!    

 

5. Raymond

Viele alleinstehende Klienten, vorwiegend alleinerziehende (schwarze) Mütter, Anlass in der Regel formaler Art (Unterhalts), benötigt Ausfüllhilfe, sehr dankbar.  Es kamen auch Ratsuchende, die unsicher waren, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen!

 

Gute Zusammenarbeit im Team, freundlicher Umgang auch in das Private gehend, Kontakt sollte noch vertieft werden, Austausch zwischendurch fehlt.

 

Wichtig: Schulungen durch Caritasverband, sehr wertschätzender Umgang, schön wären weitere Schulungen.

 

Fester Bestandteil eines Gesamtsozialen Auftritts, der sich an den Belangen der heutigen Zeit orientiert, Imageverbesserung/-Pflege, Angebote für Einsame/Alleinerziehende 

Ehrenamt führt zur Gemeinschaft, reflektiert den Umgang untereinander und bestärkt die Hilfsbereitschaft.

Viele einsame (engagierte) Menschen, die u.U. in eine Gruppe integriert und damit auch gesellschaftlich oder in der Gemeinde integriert werden könnten 

 

Das kämpferische (Überlebensstrategie) der alleinerziehenden Frauen 

 

Soziale Beratung ist ein wichtiger Baustein für den Erhalt der sozialen Gemeinschaft! Dienst am Menschen dient allen Menschen!                       

 

6. Patricia

- als Beraterin : durchweg positiv, gut geschult und unterstützt

- als Teammitglied: durchweg positiv, nettes Team, fühle mich gut aufgehoben

- in der Zusammenarbeit mit dem Caritasverband:  durchweg positiv, gut unterstützt

 

- für die Pfarrei?                     Erfüllung des caritativen Auftrags, positive Außenwirkung als                                            kath. Kirche, Handeln statt Reden

- für die Gesellschaft?            Dito

 

Die Dankbarkeit der Ratsuchenden, selbst bei „kleinen“ Problemen.

Erschrecken, welch hoher Bedarf an Hilfe benötigt wird.

Unterschiedlichkeit der Klienten und deren Lebenssituationen.

Persönliche Zufriedenheit, durch „Taten statt Worte“ (Handeln statt Reden)

 

Bereicherung meines Lebens durch die Arbeit mit und für Menschen unterschiedlichster

Klientel

 

7.Ellen

Liebe Ellen, im November hat die erste ehrenamtliche allgemeine Sozialberatung der Pfarrei eröffnet. Du bist eine der Beraterinnen.

 

1. Welche Erfahrungen hast Du bisher gemacht?

- als Beraterin

Nur positive. Man geht aus dem Termin raus und hat das Gefühl, dass man etwas richtig Wertvolles und Sinnvolles getan hat.

- als Teammitglied

Als Mitglied eines Teams - das ist mir sehr wichtig! -  sitzt man zu zweit da, ein Mann und eine Frau gemeinsam. Für die Menschen, die Rat suchen und Hilfe brauchen, ist das ein Signal: Ich kann mir aussuchen, an wen ich mich wende. Es gibt Männer, die haben eher einen Zugang zu einem anderen Mann, die trauen sich vielleicht bei einer Frau nicht. Wenn man das merkt, geht man als Frau im Zweifelsfall raus. Diese Situation gab es bei mir noch nicht, aber sie kann vorkommen. Umgekehrt ist es auch so, dass Frauen sich bei einer Frau vielleicht eher angenommen fühlen mit ihren Problemen, weil sie denken: die weiß genau, wovon ich rede und versteht mich. Im Beraterteam kann man sich gegenseitig die Bälle zuspielen und eingreifen, wenn man merkt, dass der andere etwas vergisst. Der eine Berater hat dann vielleicht mehr die Papiere im Blick. Man unterstützt und ergänzt sich gegenseitig. Ich hatte auch nie das Gefühl, dass es für den Hilfesuchenden zu massiv ist, zwei Leuten gegenüber zu sitzen - ganz im Gegenteil. Das hat mich überrascht. Vielleicht liegt es auch an unserer Ausstrahlung.  Wir wirken nicht massiv oder abweisend. Während des Gesprächs denke ich oft: Meine Güte, was haben die Leute alles zu bewältigen! Da tut man so insgeheim auch manchmal Abbitte, weil man natürlich auch Vorurteile hat. Die kriegt man da ganz schön ausgetrieben, weil man sieht, was die Leute wirklich mit sich rumschleppen.

- in der Zusammenarbeit mit dem Caritasverband?

Nur positiv, die Leute von der Caritas sind immer präsent und hilfsbereit. Sie haben uns gut geschult und immer ermutigt, wenn wir unsicher waren und zweifelten, ob wir gründlich genug vorbereitet sind. Als die Beratung losging, wussten wir zu jedem Zeitpunkt: es ist jemand im Haus; wenn’s brennt, können wir zu der Person gehen. Das ist sehr beruhigend. Wir sind in der Beratungsstelle willkommen und fühlen uns dort am richtigen Ort. Zum Beispiel benutzen wir die Computer dort. Klar sind da unserer Programme drin, aber wenn wir nicht weiterkämen, hätten wir auch dabei technische Hilfe. Besser geht’s nicht!

 

2. Was ist der Unterschied zur Zeit vorher, als das Angebot noch nicht bestand?

Für mich ist es ein weiterer Termin, aber ich empfinde ihn als einen der sinnvollsten während meiner ganzen langjährigen ehrenamtlichen Tätigkeit überhaupt. Man erlebt unmittelbar, dass das, was man tut, Früchte hervorbringt.  Man sieht, dass es dem Gegenüber anschließend besser geht als zuvor. Es wird nichts auf die lange Bank geschoben, frei nach dem Motto „Schön, dass wir mal darüber geredet haben“, sondern die Beratung zeugt sofort ein Ergebnis. Man kann nicht jedem genauso helfen, wie er sich das vielleicht vorgestellt hat. Aber zumindest haben die Leute anschließend mehr Klarheit. Hilfe beim Formularausfüllen ist zum Beispiel unmittelbar. Da kommen aber auch manche, die „Turbulenzen“ im Kopf haben und gar nicht wissen, wie sie alles hinkriegen, die sitzen nur da und sortieren mit unserer Hilfe ihre Probleme. Hinterher wissen sie wieder, wie sie weitermachen können und schöpfen neuen Mut. Allein das Da-Sein für diese Menschen ist bereits Hilfe.

 

3. Welche Bedeutung hat das Projekt und welche Chance bietet es Deiner Meinung nach für die Pfarrei?

Ganz klar: dass Kirche Präsenz zeigt, die von denjenigen, die sie nutzen, auch als sinnvolle Präsenz empfunden wird. Wichtig ist vor allem die Offenheit der Kirche an dieser Stelle. Fragen wie: Wo kommst du her? Welche Religion hast du? spielen bei der ehrenamtlichen Sozialberatung überhaupt keine Rolle. Es zählt allein die Haltung: hier sitzt du - welche Probleme hast Du? -  wie können wir dir helfen? Das ist ein ganz anderes Gesicht von Kirche. Aus meiner Sicht ist Kirche zwar immer schon so bzw. hat so zu sein. Aber das Bild nach draußen ist oft ein anderes. Und die ehrenamtliche Sozialberatung ist eine Chance, dieses Bild auch zu kommunizieren und der Welt zu zeigen.

 

4. Welche neuen Erkenntnisse über die Lebenssituation anderer Menschen hast Du erhalten?

Ich kann ja nun nicht beurteilen, was sich bei den Leuten verändert, die zu uns kommen. Aber ich weiß, was sich bei mir verändert. Wie jeder Mensch habe natürlich auch ich Vorurteile. Auch wenn man es nicht offen zeigt, im Hinterkopf denkt man vielleicht: Naja, komm - wird schon seinen Grund haben, dass Du in diese Situation geraten bist…Ich habe meine Meinung mittlerweile völlig geändert, meine Parameter haben sich total verschoben. Zwar habe ich mir immer schon Gedanken gemacht, welche Probleme die Leute wohl haben. Jetzt bekomme ich jedoch viel mehr davon mit, wie aussichtslos die Leute oft kämpfen, wie sie in Situationen geraten, wo ihnen keiner mehr zuhört, wo sie weggeschickt werden. Natürlich sind sie oft bei den Ämtern, aber es hört ihnen keiner zu, sie fühlen sich als lästig behandelt, sind nicht willkommen. Und jetzt sitzen sie mir gegenüber und berichten von diesen Erfahrungen, und man ist entsetzt, gegen wie viele Wände sie schon gelaufen sind. Das ändert den eigenen Blickwinkel!

 

5. Gibt es etwas, was Dich besonders beeindruckt hat?

Ja, es sind alleinerziehende Mütter, zum Teil sehr junge Frauen, meist mit Migrationshintergrund, die eine ausgesprochen gute Ausbildung und Erziehung haben. Ganz alleine kämpfen sie sich mit ihren 1-3 Kindern durch diesen Dschungel und geben nicht auf. Und dabei erziehen sie ihre Kinder gut, muss man sagen, wirklich gut. Am meisten beeindruckt mich, dass sie ihre Situation ganz alleine durchstehen.  Da ist niemand, der ihnen sagt: Hör mal, hier hast du jemanden zum Anlehnen, ich bin für dich da, wenn es schlimm wird. Man weiß ja, dass die Frauen viel leisten, aber wie das im Alltag dann tatsächlich aussieht, dass da wirklich keine Wand zum Anlehnen ist, dass sie sozusagen im freien Fall sind und trotzdem nicht aufgeben, das ist respekteinflößend.

 

6. Kannst Du Dein Fazit in einem Satz zusammenfassen?

 

 

Die ehrenamtliche Sozialberatung mitzumachen war eine der besten Entscheidungen, die ich als Ehrenamtliche jemals getroffen habe.

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